Abstraktion

Kandinsky und die abstrakte Malerei

Auf einer Ausstellung 1896 in Moskau sieht Wassily Kandinsky Monets Bild “Der Heuhaufen”. Er erkennt den Gegenstand des Bildes nicht und ärgert sich. Erst der Bildtitel gibt Aufschluss über den Inhalt. Doch der Ärger verfliegt und mündet schließlich in einer Art Erleuchtung. Das Ereignis wird zu einem Schlüsselerlebnis: Es gibt Kandinsky einen wichtigen Impuls, die Gegenständlichkeit der Malerei zu hinterfragen. Für ihn bekommt die Malerei eine „märchenhafte Pracht und Kraft“ und er findet, dass damit “der Gegenstand als unvermeidliches Element des Bildes diskreditiert” ist. Dennoch bleibt der Gegenstand in seinen Bildern zunächst weiterhin erhalten.

Erst ein weiteres Erlebnis ähnlicher Art führt 1910 zu einem radikalen Wandel in Kandinskys Schaffen. Als er sein Atelier betritt, sieht er ein Gemälde “von außergewöhnlicher Schönheit” und “voll innerer Ausstrahlung”. Das Bild lässt keinen Inhalt erkennen, nur Farben und Formen. Erst nach einer Zeit der Betrachtung fällt ihm auf, dass er ein von ihm selbst gemaltes Bild betrachtet. Die Leinwand war verkehrt herum aufgestellt, aber auch die Lichtverhältnisse in der Dämmerung ließen das Bild ganz anders wirken.

Der Weg zur Gegenstandslosigkeit

In seiner 1911 veröffentlichten Schrift “Über das Geistige in der Kunst” fordert Kandinsky schließlich, der Künstler müsse sich vom Materiellen, also vom Gegenständlichen, lösen, will er zu dem unsichtbaren Geistigen gelangen. Doch der Weg zur vollständigen Abstraktion ist lang. Auf dem Weg dorthin verschlüsselt Kandinsky den Gegenstand in seinem Werk zunehmend. Zunächst ist das Gegenständliche in den Bildern noch erhalten, doch wird es für den Betrachter immer schwieriger, dieses ohne Vorwissen zu identifizieren. Sind in den Werken bis 1913 noch Motive zu erkennen, gelangt Kandinsky schließlich mit seinem Aquarell “Ohne Titel” (1910 datiert, vermutlich aber 1913 entstanden, gilt es als das erste abstrakte Bild) zur vollständigen “absoluten” Malerei. Absolut bedeutet für Kandinsky die vollständige Abkehr vom Gegenstand hin zur gegenstandslosen Kunst mit “rein malerischen” Mitteln.

Kandinsky ist sich aber der Gefahr bewusst, die von einer vollständigen Loslösung vom Gegenstand ausgeht. Um zu vermeiden, Werke zu schaffen, die in ihrer Ornamentik “einem Teppich gleichen”, entwickelt er eine eigene Symbolsprache. Kandinsky löst den Gegenstand auf, indem er ihn verschlüsselt. Häufig verwendete Motive wie Berge, Ruderer oder Reiter werden so zu stark abstrahierten Kürzeln.

In den folgenden Jahren ist das Werk Kandinskys in Bezug auf die Abstraktion uneinheitlich. In den verschiedenen folgenden Schaffensperioden kehrt Kandinsky zwar immer wieder zur Gegenständlichkeit zurück, der Schwerpunkt seines Schaffens liegt aber im Abstrakten. Während in den Bildern seiner Bauhaus-Zeit die Geometrie eine bedeutende Rolle spielt, treten in der Zeit danach freie Formen in den Vordergrund.

Kandinsky als Pionier der abstrakten Malerei

Mit seinen Bildern, aber auch mit seinen theoretischen Überlegungen zur Kunst, kommt Kandinsky eine maßgebende Rolle bei der Entwicklung der abstrakten Malerei zu, die nachfolgende Generationen von Künstlern stark beeinflusst hat und machen ihn zu einem der bedeutendsten Maler und Kunsttheoretiker des 20. Jahrhunderts.